Midtwenties Crisis, Hilfe ich nähere mich den 30igern

Plötzlich ist sie da die Erkenntnis, ich werde nicht jünger und bald bin ich 30 Jahre

„Ach, du hast doch noch dein ganzes Leben vor dir“, „So jung bist du noch“, „Du hast doch alle Zeit der Welt“,…

Diese Sätze höre ich andauernd, manchmal von anderen, ein anderes Mal von mir selbst. In meinem Kopf haben sie einen fixen Platz, jederzeit bereit zum Abruf - meine eigene kleine Therapie, wenn mir die Schwere des Lebens in den Mittzwanzigern wieder einmal bewusst wird.

Mitte Zwanzig:  das klingt nach Jugend, Freiheit, Schönheit… nach der Leichtigkeit des Seins. Mitte Zwanzig: das klingt nach Sommerparty, luftigen Kleidchen und wehenden Haaren, nach knackigen Körpern und Liebeleien. Mitte Zwanzig: das klingt nach Studentenheim, Feierlaune und Sorglosigkeit. Kurz: Mitte Zwanzig, das klingt nach der besten Zeit des Lebens.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens

Zurück in die Realität. Ich sitze haareraufend an meinem Schreibtisch, beobachte die Welt, die vor meinem Fenster hektisch vorbeizieht, und frage mich: wo komm ich her, wo will ich hin – und was mach ich hier überhaupt? Ich werde alt. Dabei bin ich dafür noch viel zu jung! Das Phänomen der Midtwenties (auch genannt Quarterlife) Crisis hat mich voll in seinen Bann gezogen.

25, das ist ein Alter, wo man plötzlich nicht mehr nur jugendlich sein will. Mit 25 ist man dem Dreißiger zum ersten Mal näher als der goldenen Zwanzig – zum ersten Mal näher am Ernst des Lebens, als an der sonnigen Seite. Und schmerzlich wird einem bewusst, dass man sich besser hätte vorbereiten sollen, dass vielleicht doch nicht alle elterlichen Ratschläge so verkehrt gewesen wären. Mein Freundeskreis zieht langsam, aber sicher, in die finalen Schlachten des Studiums – diejenigen, die noch etwas vom Abschluss entfernt sind, haben es nun am schwersten. Da gibt es dann die, die resigniert haben und letztendlich doch ohne akademischen Grad ins Berufsleben starten. Dann jene, die sich zu lange feiern ließen, die seit fünf Jahren „in einem Jahr fertig“  sind und das Studium nur noch in der Hoffnung auf ein Wunder oder den Weltuntergang weiterlaufen lassen.

Und dann die letzte Gruppe, die den Großteil ausmacht: die Personen, die versuchen nun möglichst schnell abzuschließen, da ihnen bewusst wurde, dass sie quasi über Nacht dem Dreißiger näher rücken. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn plötzlich sieht man im Spiegel nicht mehr den jungen, freien Menschen, dem alle Türen offenstehen, sondern sich selbst, gestresst, mit zerzausten Haaren, und langsam ein bisschen zu alt für Studentenheime oder WGs.

Auch der Körper wird älter

Man wird älter –und der Körper macht mit. Ach, wo sind die Tage, an denen man aufgestanden ist, mit einem Cafe und einer kalten Dusche den Kater vom Vortag vertrieben hat – und nach ein paar Stunden wieder wunderschön, topfit und motiviert für den nächsten Tag, bzw. Abend war. Heute erinnert mich mein Zustand nach einer langen Nacht eher an eine Mischung aus Wachkoma, Unfall im Schönheitssalon und Delirium. Wenn ich es endlich geschafft habe, mich aus dem Bett und unter die Dusche zu quälen, ist der einzige Weg, zu dem ich mich noch überwinden kann, jener zurück ins Bett. Dann wird Pizza bestellt, in der Jogginghose vor sich hin gegammelt und tunlichst jeglicher Blick in spiegelnde Oberflächen vermieden. Kurzum: ab 25 muss man freitags ausgehen, um sonntags am Mittagstisch wieder annehmlich auszusehen.

Ich fühle mich alleine

Ein weiteres Phänomen ist das „sich alleine fühlen“. Egal wann, egal wo – es kann dich immer treffen. Alleine im Zimmer, auf einer Party oder am Tisch mit den Eltern.. Man fühlt sich oft verloren, weil planlos. Abhängig ist dieser Gemütszustand bei Frauen natürlich meist von den Hormonen – Stichwort PMS. Noch nie habe ich so viele Mädels beobachtet, die nach einem Glas zu viel, plötzlich alle rundherum sooo lieb haben und niemanden jemals mehr verlieren wollen.

Man ist pleite. Das ist mitunter das schlimmste in den Mittzwanzigern. Ach, was könnte Geld doch alles hinbiegen – ein paar Behandlungen gegen die ersten Fältchen, teure Kuren für das kraftlose Haar und entschlackende Massagen… Ich bin mir sicher, ich würde mich bald wieder wie 20 fühlen. Doch halt – ich bin in den Mittzwanzigern, und das einzige, von dem ich ebenso wenig habe, wie einen Plan, ist ein Plus am Konto. Wenn man im Discounter das billigste Sugo hervorkramt und die„abgelaufen – aber noch in Ordnung“ Sachen durchwühlt… Dann wünscht man sich die Mittdreißiger herbei, wo wenigstens das liebe Geld keine so große Rolle mehr spielt (hoffe ich).

Der Liebeskummer hat ein Hoch

„And I will always love you…“ Phänomen Nummer fünf, man hat Liebeskummer. Menschen zwischen 23 und 28 sorgen für geschätzte 80% der Taschentuch Umsatzes. Wir suchen den Mann, bzw. die Frau unseres Lebens – und finden sie einfach nicht. Wie auch, wenn uns durch Tinder und Co. klar wird, dass alle normalen Menschen offensichtlich an einem Virus verendet, oder bereits unter der Haube sind. #foreveralone. Die Folge sind verheulte Augen, Liebesfilm-Abos und Eiscreme Orgien – welche uns zu Punkt Nummer sechs führen.
Der Stoffwechsel wird langsamer – kurzum: man nimmt zu. Ich hielt es lange Zeit für ein Gerücht, doch leider ist dem nicht so. Obwohl wir vor ein paar Jahren noch für ein ganzes Dorf futtern konnten (an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Mc Donalds, der so freundlich war, direkt neben mein Studentenheim eine Filiale zu bauen), nehmen wir jetzt schon zu, wenn wir Fettgedrucktes in der Zeitung lesen. So finden wir uns zwischen dem Versuch sportlich zu sein – oder zumindest so auszusehen –, figurformender Unterwäsche, Light Produkten und Unzufriedenheit wieder. Und das mit fünf Kilo mehr als noch vor zwei Jahren.

Jeder heiratet – außer du selbst. Ich habe mir mittlerweile abgewöhnt die Neuigkeiten Seite meiner sozialen Netzwerke hinunterzuscrollen. Meine Freunde sind in einen kollegialen Hochzeits- und Babywahn verfallen… und ich sitz hier rum und bekomm personalisierte Werbung von Dating Seiten und Schlankmacher Drinks. Na dankeschön.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die einzige Hoffnung, die bleibt, ist, dass wohl jeder diese Dinge Mitte Zwanzig erlebt. Und überlebt. Damit man nachher fröhlich in die nächste schwierige Zeit vorrücken kann – „oh mein Gott, bald bin ich 40!“